Mittwoch, 6. Dezember 2017

Gedankenschnipsel : "Am Abend noch mal 'ne Runde um den Block " Damals und Heute



Erinnerungen und Gedankenschnipsel

Abends noch mal eine Runde um den Block- das hieß früher für mich, zum Boxi zu schlendern.
"Boxi" ist der Spitzname für den Boxhagener Platz. Ich wohne gleich um die Ecke, in der Gabriel- Max-Straße. Mein Abendspaziergang führt zuerst an drei indischen Restaurants, einem Spätkauf, unzähligen Kneipen, und einer Shisha- Bar vorbei. Die Gäste sitzen an diesem lauen Abend draußen, blubbern an den bunten Glaspfeifen und nebeln die Vorübergehenden mit den süßlichen Rauschwaden ein. Mich inklusive , ich muß husten, als ich aus Versehen eins dieser Vanille- Qualmwölkchen eintame. Dann bin ich am Boxi. Ich mache eine Runde ganz um den belebten Platz, einfach um die Stimmung zu spüren, um ein Teil des Geschehens, des bunten Treibens zu sein. Ich treffe einen Bekannten, ein Stammkunde des kleinen Reisebüros, in dem ich in der Simon- Dach- Straße täglich ab 12 Uhr Mittags Reisen buche. Ab 12 erst? Ja, das Büro früher aufzumachen lohnt sich nicht, halb Friedrichshain schläft vorher noch. Der Stammkunde ist ein gesprächiger Typ Mitte Zwanzig, er trägt einen bunten Kaftan. Drei, viermal im Jahr bucht er bei mir Flüge nach Bombay, er lebt in einer reiselustigen WG, ich kenne alle Mitbewohner, sie sind sehr lieb und sparsam, containern viel, und können sich wohl deshalb solche Reisen mehrmals im Jahr leisten.
Wir verabschieden uns. Am Ende des Spaziergangs hole ich mir noch auf die Hand zwei Steinofen- Pizzen mit Spinat für jeweils 2 Euro. Die Pizza aus dem Laden ist so groß wie ein Kutschen- Wagenrad und wird zusammengerollt.
Dann stapfe ich wieder die Treppen bis ins vierte Stockwerk hoch, in meine geliebte 2- Zimmer, beziehungsweise 2- Raumwohnung. Wunderschöne Wohnung mit selbst abgeschliffenen Dielen, alten, matt weiß gestrichenen Fensterrahmen, Wohnzimmer mit einem Balkon, einem kleinem Schlafzimmer, einer urigen Mini- Küchenecke und einem schlichten Duschbad. In dieser Wohnung im Herzen von Friedrichshain habe ich die letzten 4 von insgesamt 18 Berlin- Jahren gelebt.

F- Hain ist , auch wenn ich heute noch an Berlin denke, mein absoluter Lieblings-Stadtteil 

Oben sitze ich dann auf dem schmalen Balkon, der von außen so aussieht, als könnte er jeden Moment abbröckeln, eine Freundin hat sich nicht getraut, auf ihn rauszugehen. Er ist zwar robuster als er aussieht, aber so eng, dass man, wenn man die Beine ausstrecken möchte, vom Stuhl aus die Füße auf das Gemäuer legen muß, immer in die Lücke zwischen den Blumenkästen. In einem Kasten habe ich Tomaten, im anderen Ringelblumen, Salate und einige Kräuter. In einer Ecke steht ein Topf mit einer „Schwarzäugigen Susanne“, die hat mir meine Freundin Michelle zur Einweihung geschenkt. Die schöne orangefarbene Blume hält sich seit Jahren, sie blüht immer üppiger und wächst fröhlich an ihrem Rankgitter aus Holz hoch. In der anderen Ecke steht ein Topf mit einem Lavendel, den der Vormieter mir überlassen hat. Es ist eine große Pflanze, sie duftet und ist oft von Hummeln umschwirrt. Die beiden Bistro-Stühle und den Tisch hatte ich vom Kaiser an der Warschauer Straße. Habe sie spontan gekauft und auf meinem Fahhradgepäckträger gelegt, den ganzen Weg mit einer Hand festgehalten  und mit der andern Hand das Rad nach Hause geschoben.

Es klingelt, besser: ein melodisches "Tutelut" ertönt, ich gehe zur Gegensprechanlage, so ein weißes Plastikteil, es rauscht, aber ich verstehe Aichas Stimme:  " Hallo, ich bin's." Ein paar Minuten später sitzen wir gemeinsam auf dem Bröckelbalkon, die Füße auf dem Geländer, rechts können wir bis zum Alex  gucken, links sieht man den Platz mit der Tramhaltestelle und man schaut auf schöne alte Häuserfronten, eines davon, mit so halbrunden Loggien, fand ich sogar durch Zufall in einer Architekturzeitschrift, wo es auf einer Doppelseite abgebildet war.  (den Namen des Architekten habe ich natürlich vergessen) Aus dem Eck-Café schräg gegenüber wummern die Bässe einer Art 'House Musik'  herüber. Vor dem Café sind alle Tische besetzt, ein paar Jongleure mit brennenden Fackeln laufen hin und her, einer von ihnen sammelt vorher Geld für die angepriesenen Darbietungen ein. Wir haben einen Logenplatz und sehen von hier aus gemütlich zu, wie einer der Jongleure die Fackel immer schneller kreisen lässt und damit Muster in den Abendhimmel malt. In der Wohnung genau gegenüber putzt gerade ein nackter Typ die Fensterscheiben, ich erkenne ihn, es ist der Besitzer der Tapas Bar unten im Haus, sein Freund steht hinter ihm im Raum und schaut zu, beide lachen. So ein Anblick reisst einen hier nicht vom Hocker. Aicha kichert und ich schaue weg nach rechts in den roten Himmel, und wie um das romantische Berlin-Bild komplett zu machen, leuchtet davor die silberne Kugel des Fernsehturms. Aicha und ich lassen uns die zusammengerollten Pizzen schmecken.
Aus dieser Zeit habe ich nur noch ein paar unscharfe Papierfotos: 



Abends noch mal um den Hügel

Hier auf dem Land, mitten im Weserbergland, wo ich jetzt lebe, ist ein Abend so komplett anders: Der Spaziergang um den Block startet damit, dass ich gleich hinter unserem Haus einen Hügel erklimme und von oben eine weite Aussicht auf die Landschaft habe. Wenn ich die kleine Straße vor dem Haus heruntergehe, komme ich auf verschiedene Wege, die alle paar Meter wieder den weiten Blick auf die sanfte Hügellandschaft bieten. Immer wieder bleibe ich stehen, um die Aussicht zu geniessen, ganz unbewusst atme ich tief ein. Augenblicklich fühle ich mich leichter, frei und beschwingt. Gleichzeitig breitet sich eine angenehme Ruhe in mir aus. Den Sonnenuntergang kann ich von hier aus sehen, die Hügel, Felder, Baumwipfel werden in das rotgoldene Licht getaucht.

All diese Schönheit findet sich gleich hinter dem Garten, zu dem ich jetzt zurückgehe. Dort treffe ich kurz vor dem Hauseingang Pausi und Schwarzerle, das sind zwei Kater: Pausi ist ein gefleckter Kater mit einem Bärchen- Gesicht , er wohnt bei einer Nachbarsfamilie. Schwarzerle ist ein schwarzrotbrauner verschmuster Kater. Er war ein Streuner und lebt jetzt bei und mit uns. Ich treffe ebenso einen Igel, der das restliche Katzenfutter isst und immer zutraulicher wird. Er hat einen weißen Fleck auf der rechten Seite, daran erkenne ich ihn immer. Er wird bestimmt einen guten Platz für seinen Winterschlaf finden in meinem Riesengarten, der wild und unaufgeräumt, wunderschön und voller alter Bäume ist
Das Laub habe ich liegenlassen- nur stellenweise etwas zusammen gekehrt- um den Lauf der Natur nicht zu unterbrechen. Der ist so natürlich und sinnvoll: Unter dem Laub sitzen Insekten, Nahrung für Vögel und Igel, und das Laub wird durch die Bodenlebewesen in wertvollen Humus verwandelt. In einigen Wochen werden die ersten Blumen, Schneeglöckchen, Krokusse, Löwenzahn und dann Akelei hier blühen. Ich erwarte alles mit Freude und es ist keine Sekunde langweilig einfach nur zu zuschauen, mitzubekommen, was wieder wächst und wie und wann. Oder wenn das Laub bunt wird, fällt. Wenn es das erste Mal schneit. Die Vögel im Frühjahr. Und wie das zusammen hängt, sich wiederholt, und dabei doch immer wieder anders ist.
Dies alles wurde für mich, als ich begann, „so nah dran“ zu sein, viel einprägsamer, als wenn ich das in einer Naturschutz-Broschüre las oder in einem Bericht im Fernsehen sah. Die Zusammenhänge, die natürlichen Abläufe, dieser Kreislauf - all das erscheint mir heute so wunderbar logisch und klar.
Jetzt kann ich mich ehrlich gesagt nur noch an den Kopf fassen, wenn ich sehe, dass Gärtner alles Laub zusammenkehren, in Tüten stopfen, zum Wert- Hof bringen und dann im nächsten Jahr Dünger für den Garten kaufen. So sterben auch leider die Insekten weiter aus, und mit ihnen die Vögel, Igel und anderen Tiere. Doch das durfte ich auch erst alles lernen.
Der Garten hat es mir sozusagen beigebracht.
Hinter dem Haus auf dem Hügel weiden manchmal Schafe. Sonst treffe ich-wie so oft-Niemanden bei meinem Abendspaziergang hier.




Text und Fotos: copyright Susanne Heine 

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